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14.07.2021

Fenster, die Licht und Wärme intelligent steuern: Nanoscale Glasstec vermarktet die Zukunft

Das Labor von Nanoscale. © Stefan Wildhirt
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PortraitStart-ups

Mit einer futuristischen Idee entwickeln die Gründer von Nanoscale Glasstec in Kassel hochfunktionale Lösungen für Klimatisierung und Lichtnutzung. Die Komplexität ihres Produkts ist dabei eine betriebswirtschaftliche Herausforderung.

Wenn Prof. Dr. Hartmut Hillmer über seine Start-up-Gründung spricht, stellt er eine kleine Warnung voran. „Wir denken bei unserem Produkt sehr weit in Zukunft und gehen völlig neue Wege. Das führt bei Gesprächspartnern manchmal zu Skepsis, die wir erst mit detaillierten Erklärungen auflösen können. Als Wissenschaftler bin ich das gewohnt – aber als Unternehmer ist das natürlich nicht ganz leicht fürs Geschäft“, sagt Hartmut Hillmer. Doch zusammen mit seiner Mitgründerin Guilin Xu sowie Mustaqim Iskhandar hat er diese Herausforderung bislang gut gemeistert: Ihre Firma Nanoscale Glasstec, hervorgegangen aus dem Institut für Nanostrukturtechnologie und Analytik der Universität Kassel, hat eine innovative Lösung für die Klimatisierung und Lichtnutzung in verglasten Gebäuden entwickelt.


Prof. Dr. Hartmut Hillmer und Guilin Xu, zwei der Founder von Nanoscale Glasstec. Foto: Stefan Wildhirt
Prof. Dr. Hartmut Hillmer und Guilin Xu, zwei der Founder von Nanoscale Glasstec. Foto: Stefan Wildhirt

Millionen von für das menschliche Auge nicht sichtbaren Mikrospiegeln werden von Nanoscale Glasstec zwischen zwei Scheiben eines Fensters angebracht und mithilfe einer geringen elektrischen Spannung ausgerichtet. So können die Fenster je nach Jahreszeit, Sonneneinstrahlung und Nutzeraktivität reagieren, wobei eine punktgenaue Ausleuchtung möglich ist: Ein einzelner Mensch im Raum, der ein Buch lesen möchte, erhält entsprechend Licht – der Rest des Raums ist hingegen verschattet. Dadurch können große Mengen an Energie und CO2 eingespart werden, während gleichzeitig eine angenehme Atmosphäre im Raum erhalten bleibt. „Das Ganze kombinieren wir mit bereits etablierten Technologien aus dem Smart-Home-Sektor, so dass unzählige automatisierte Anwenderszenarien möglich werden: Im Winter wird Sonneneinstrahlung gezielt und im idealen Winkel zum Wärmen hereingelassen. Einzelne Lichtflecken an der Decke erzeugen zugleich ein wohnliches Ambiente. Und bei Bedarf können die Fenster sogar Logos anzeigen, um beispielsweise als Notfallsystem Hilfezeichen nach außen abzugeben. Dort wird übrigens niemand von unseren lichtabweisenden Fenstern geblendet, auch diesen unerwünschten Effekt haben wir im Griff“, fasst Hartmut Hillmer das komplexe und vielfältige Produkt zusammen.

Gerade diese Komplexität sorgt allerdings für einige Hürden bei der Vermarktung. Investoren wollen verständlicherweise ein Produkt verstehen, bevor sie Geldmittel zur Verfügung stellen. Ist das System besonders innovativ, steigt gleichzeitig das betriebswirtschaftliche Risiko – vor allem, wenn die anwenderorientierte Umsetzung und die Serienfertigung noch in der Zukunft liegen. „Der europäische Start-up-Markt ist tatsächlich konservativer als der US-amerikanische oder der asiatische. Große Visionen finden bei uns merklich schwerer einen Investor. Deshalb haben wir uns von Anfang an auch an außereuropäische Märkte gewandt. Gründer sollten außerdem in machbaren Einzelschritten denken und bei mehreren Investitionsrunden kleinere Zwischenziele planen“, erklärt Guilin Xu, die als Geschäftsführerin den betriebswirtschaftlichen Bereich des Start-ups verantwortet. „Man muss bei seinen Plänen immer realistisch bleiben, deshalb ist die Einbindung von wirtschaftlichen Aspekten gerade bei Gründungen aus dem wissenschaftlichen Bereich enorm wichtig“, so die international erfahrene Betriebswirtin.

Mithilfe der mikroskopisch kleinen Mikrospiegel innerhalb der Glasscheibe können einzelne Segmente je nach Bedarf verdunkelt werden. Foto: Stefan Wildhirt
Mithilfe der mikroskopisch kleinen Mikrospiegel innerhalb der Glasscheibe können einzelne Segmente je nach Bedarf verdunkelt werden. Foto: Stefan Wildhirt

Auch Prof. Dr. Hartmut Hillmer kam mit Wirtschaftserfahrung zum Start-up Nanoscale Glasstec. „Nach meinem Studium der Grundlagenphysik war ich lange im Bereich Halbleitertechnik in einem Unternehmen in Darmstadt tätig. Das war eine wertvolle Erfahrung, um nicht als Wissenschaftler im sprichwörtlichen Elfenbeinturm zu bleiben, sondern den betrieblichen Blick zu verinnerlichen“, erzählt er. Auf der anderen Seite ist gerade die enge Anbindung an den Hochschulbetrieb für das Start-up aus Kassel essenziell. Sie ermöglicht das unkomplizierte Anmieten von Geräten und Räumen, aber auch den engen Austausch mit anderen Forschern.

Der Zugang zu Förderungen ist über universitäre Kontakte ebenfalls erleichtert. Hier rät Hartmut Hillmer angehenden Gründern, sich von Absagen nicht entmutigen zu lassen, sondern Förderantrag nach Förderantrag zu stellen – idealerweise mit Unterstützung von Beratungsinstitutionen. „Die einzelnen Programme auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene sind durchaus komplex, so dass man einige Zeit und Mühe investieren muss. Und dabei darf man nicht vergessen, dass oft erhebliches Eigenkapital vorausgesetzt wird“, betont Hartmut Hillmer, während Guilin Xu ergänzt: „Neben der schwierigen Finanzierung müssen Gründer auch die Doppelbelastung durch einen weiteren Job aushalten können, um eine gewisse Sicherheit zu schaffen.“

Mit ihrem Start-up Nanoscale Glasstec wollen die beiden Gründer jetzt den nächsten Schritt wagen: Ein Funktionsdemonstrator in Originalgröße, damit ihre komplexe und futuristische Technik noch besser verständlich wird. „Es ist einfach von großem Vorteil, wenn man Investoren und den Jurys der Förderprogramme etwas Reales zum Anfassen geben kann – gerade innovative Produkte lassen sich auf diese Weise viel besser bewerben“, sagt Prof. Dr. Hartmut Hillmer.

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