Wie lokale Initiativen im ländlichen Raum den Gründungsstandort Hessen stärken
Coworking Spaces, Beratung vor Ort, eine Gründungsfabrik: Auch abseits der großen Städte in Hessen existiert eine Gründungsinfrastruktur, die für die Zukunftssicherung des Landes zentral ist.
© StartHub Hessen
Wer an hessische Start-ups denkt, hat schnell die großen Städte oder die Metropolregion FrankfurtRheinMain im Kopf. Fintech, Hochschulzentren, Risikokapital. Doch im Flächenland Hessen mit 421 Städten und 21 Landkreisen entstehen Ideen, Know-how und Innovationen auch abseits der urbanen Regionen.
Dass Städte und Ballungszentren beim Thema Gründen nach wie vor die Nase vorn haben, zeigen die Daten des Global Entrepreneurship Monitors des RKW Kompetenzzentrums: Im Zeitraum von 2015 bis 2024 gründeten in städtisch geprägten Räumen bundesweit 7,5 Prozent der 18‑ bis 64‑Jährigen – im ländlichen Raum waren es 5,4 Prozent. Doch dieser Abstand erzählt nicht die ganze Geschichte. Ob der ländliche Raum ein Vor- oder Nachteil ist, hängt entscheidend davon ab, was jemand gründet – und warum.

Denn Gründen funktioniert längst nicht nur in der Stadt. Ob es auch auf dem Land gelingt, hängt nicht nur von der Branche ab, sondern auch von der Infrastruktur sowie von Anlaufstellen und Unterstützungsangeboten für Gründerinnen und Gründer vor Ort. Dieser Artikel beleuchtet die Perspektiven für Start-ups abseits der Ballungszentren und stellt acht Initiativen vor, die das Gründungsgeschehen in Hessens ländlichen Regionen aktiv vorantreiben.
Niedrige Kosten, branchenspezifische Vorteile, persönliche Netzwerke
Immobilen- und Lebenshaltungskosten liegen abseits der Großstädte weit unter dem Niveau der Ballungszentren, in der Frühphase einer Gründung oft ein wichtiger Faktor. Hinzu kommt ein weiteres Motiv: Nicht jeder will weg. Viele, die im ländlichen Raum gründen, tun dies bewusst. Weil ihre Kunden vor Ort sind oder ihre Branche es verlangt. Aber auch, weil sie sich hier wohl fühlen, familiär gebunden sind und die Nähe zur Natur nicht aufgeben möchten.
In den vergangenen Jahren hat sich auf dem Land viel getan, gerade was regionale Beratungsangebote, Netzwerke, Coworking Spaces und technische Infrastruktur angeht. Marc Fischer, Gründer der OmniCult FarmConcept GmbH in Limburg, erinnert sich noch gut an die Anfänge seines 2014 gegründeten Unternehmens: Kein Internet im Büro bedeutete morgens E-Mails offline zu bearbeiten, mittags nach Hause zu fahren, um sie zu verschicken, schnell zurück ins Büro, um weiterzuarbeiten.
OmniCult ist ein Beispiel, bei dem die Standwortwahl mit der Branche, dem Geschäftsmodell und den Kunden zusammenhängt: Das Unternehmen entwickelt Dünge- und Pflanzenschutzprodukte für die Landwirtschaft. Inhabergeführt, ohne Risikokapital, mit über 20 Mitarbeitenden und vier angemeldeten Patenten. Für Marc war der ländliche Raum daher die logische Wahl:
Marc Fischer, Gründer OmniCult FarmConcept GmbH
„Unsere Kunden sind hier, unsere Produktentwicklung braucht Felder – unser Geschäft findet draußen statt, nicht im Coworking Space in der Innenstadt.“
Auf der anderen Seite machen die heutigen Optionen von mobilem Arbeiten und digitalen Geschäftsmodellen den ländlichen Raum für jegliche Gründungen attraktiv:
„Wir haben im ländlichen Raum gegründet. Für uns hat das überwiegend Vorteile. Wir arbeiten im Team zum Großteil remote, sind aber auch gut mit Auto und Bahn angebunden“, so ein Teilnehmer in einer Befragung auf LinkedIn, und hebt die Entwicklung von lokalen Initiativen und Anlaufgestellen hervor: „Dadurch, dass es mittlerweile zahlreiche Netzwerkangebote gibt, bleiben an unserem Standort eigentlich keine Wünsche offen.“ Die Befragung macht zudem deutlich: Auch wenn das Netzwerken insgesamt immer noch anspruchsvoller ist als in den großen Städten, sind die Netzwerke und Communities, die in den ländlichen Regionen entstehen, dafür umso tiefgehender und persönlicher.
Lokale Anlaufstellen schließen strukturelle Lücken
Inzwischen haben sich vielerorts Coworking Spaces entwickelt, die neben Räumlichkeiten und technischer Infrastruktur auch Workshops und Events anbieten und als regionale Community-Builder agieren. Auch tourende Angebote wie die Roadshow der Female Founders Alliance oder des Hessischen Gründerpreises bringen den Start-up-Spirit in den ländlichen Raum. Das alles bietet einen echten Mehrwert. Florian Albinger, Gründerkoordinator Wirtschaftsförderung Region Fulda, erklärt:
Florian Albinger, Gründerkoordinator Wirtschaftsförderung Region Fulda
„Der ländliche Raum bietet Gründern heute mehr Chancen denn je – bezahlbare Strukturen, starke Netzwerke und die Freiheit, Ideen nachhaltig aufzubauen.“
Auch wenn die Chancen für erfolgreiche Gründungen auf dem Land steigen, bestehen weiterhin strukturelle Lücken. Dem Global Entrepreneurship Monitor zufolge gründen Gründerinnen und Gründer in urbanen Regionen häufiger aus Chancenmotiven heraus als in ländlichen Regionen. Dimitrij Schmalz, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung und Regionalmanagement Waldeck-Frankenberg GmbH, benennt Stärken und Schwächen gleichermaßen.
Dimitrij Schmalz, Geschäftsführer Wirtschaftsförderung und Regionalmanagement Waldeck-Frankenberg GmbH
„Das Gründen im ländlichen Raum ist einerseits gut möglich, da Netzwerke schnell erreichbar sind und oft persönlich gelebt werden. Andererseits fehlt häufig die Nähe zu Universitäten sowie der Zugang zu Venture Capital. Diese Punkte adressieren wir in Nordhessen gezielt über Ökosysteme wie den Dreiraum, die Technische Hochschule Mittelhessen und den Science Park [Kassel].“
Zwei strukturelle Faktoren, die lokale Initiativen und Anlaufstellen neben der Zurverfügungstellung von Raum und technischer Infrastruktur aktiv angehen:
Das Thema Hochschulnähe: Hochschulen sind zentrale Treiber von forschungsbasierter unternehmerischer Innovation. Laut Startup Monitor 2024 des deutschen Startup Verbands wurden 55,1 Prozent der befragten Start-ups von einer Hochschule unterstützt. Hochschulinitiativen wie THINK an der Technische Hochschule Mittelhessen (THM), der Science Park Kassel oder die Gründungsfabrik Rheingau, die sich an Gründende der Hochschule Geisenheim und der EBS Universität in Oestrich-Winkel richtet, bieten Unterstützungsangebote für Gründende vor Ort und aus den umliegenden Regionen.

Das Thema Sichtbarkeit: Um Gegenstand von medialer Berichterstattung zu werden, müssen Start-ups im ländlichen Raum häufig etwas andere Wege gehen. Während überregionale Medien, seien es Zeitungen, Radio- oder Fernsehsender, in städtischen Ballungsräumen häufig präsenter sind, führt der Weg zu medialer Berichterstattung für Start-ups im ländlichen Raum oft über regional ansässige Medien. Dies können beispielsweise die örtlich zuständige Lokalredaktion der Regionalzeitungzeitung oder lokale Nachrichtenportale sein, die ausschließlich online publizieren. Greifen diese ein Start-up für ihre Berichterstattung auf, weckt dies erfahrungsgemäß nicht selten das Interesse überregionaler Medien.
Alternativ kann bei der proaktiven Kontaktaufnahme mit überregionalen Medien eine bereits publizierte regionale Berichterstattung als erster Beleg für mediale Relevanz beigefügt werden. Zusätzlich ist es für Start-ups aus dem ländlichen Raum empfehlenswert, direkten Kontakt zu Fachmedien der jeweiligen Branche aufzunehmen, für die die Frage des Start-up-Standorts häufig zweitrangig ist. Darüber hinaus sorgen lokale Anlaufstellen und Gründungszentren mit überregionalen Formaten für (mediales) Interesse. Ein Beispiel ist die jährliche Digital Culture Week des Dreiraum Korbach, die 2024 über 140 Teilnehmende und 16 Speaker aus ganz Deutschland nach Nordhessen zog.
Aus Einzelinitiativen entsteht Infrastruktur
Diese einzelnen Projekte verbinden sich in Summe zu einer wachsenden Infrastruktur, die neue Ökosysteme schafft und Hessens ländliche Regionen als Wirtschafts- und Innovationsstandorte stärkt. Elisabeth Neumann, Projektleiterin des Hessischen Gründerpreises bei der KIZ SINNOVA gGmbH, resümiert nach der Roadshow 2026 in Waldeck-Frankenberg:
Elisabeth Neumann, Projektleiterin Hessischer Gründerpreis, KIZ SINNOVA gGmbH
„Im ländlichen Raum geht oft mehr, als man zunächst vermutet. Zwar ist die Anzahl der Angebote überschaubar, doch genau das macht sie umso intensiver und wirkungsvoller. Orte wie der Dreiraum Coworking Space schaffen wichtige Räume für Austausch und Innovation. Das zeigt genau, was es braucht – lokale Macherinnen und Macher, die das Thema voranbringen.“
Der Hessische Gründerpreis tourt jedes Jahr mit seiner Roadshow durch das Land und macht bewusst Station jenseits der Metropolen. Die Zahlen geben ihm recht: 2025 kamen 45 Prozent aller Bewerbungen für den Hessischen Gründerpreis von Start-ups außerhalb der zehn größten Städte des Bundeslandes.
Gastbeitrag von Carolin Wagner
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